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Worte des Gedenkens  beim 29. Flatower Heimattreffen 2011 in Gifhorn
 

Stephan Eimterbäumer, stellv. Superintendent im Kirchenkreis Gifhorn

 

> Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gemeinde,
>
> Sie haben mich gebeten, als Pastor Worte des Gedenkens zu sprechen.
>
> Das Gedenken ist wichtig im Glaubensleben. In der Bibel wird das Volk Israel
> dazu aufgerufen, sich an Gottes heilvolle Taten zu erinnern. Man soll den
> Kindern erzählen, dass Gott sein Volk aus der Sklaverei herausgeführt hat –
> aus der Unterdrückung in die Freiheit.
>
> So werden die Erfahrungen des Glaubens weitererzählt. Und sie stärken die
> junge Generation. Die Religion bekommt ihre Kraft aus der Erinnerung an die
> Rettungserfahrungen der Mütter und Väter.
>
> Darum sollen die Kinder davon hören, wer Jesus war: wie er geheilt hat, was
> er über Nächstenliebe gesagt hat, dass er am Karfreitag für uns gestorben
> ist und drei Tage später von Gott auferweckt wurde. Diese Erfahrung geben
> wir weiter. Für den Glauben ist die Tradition wichtig – so werden unsere
> Kinder gestärkt durch die Kraft des Glaubens.
>
> Das Gedenken ist nicht nur im Glauben wichtig, sondern im Leben insgesamt.
> Die Geschichte des ehemaligen Kreises Flatow hat 1955 hier in Gifhorn eine
> Verankerung gefunden: Die Erinnerung bekam einen Ort.
>
> Meine Großeltern kamen aus Ostpreußen. Aus dem Kreis Gumbinnen. Sie hatten
> dort einen Bauernhof. Ich finde es bewegend, dass es bis heute eine
> „Kreisgemeinschaft Gumbinnen“ in Bielefeld gibt. Sie sammelt Informationen
> und pflegt die Erinnerung. So habe ich den Namen meines Großvaters im
> Internet gefunden.
>
> Ganz ähnlich pflegen Sie im Heimatkreis Flatow die Kultur des Erinnerns. So
> wird das Leben der Deutschen im Kreis Flatow als Teil der Geschichte
> bewahrt. Nachgeborene können spüren, woher sie kommen, was ihren Eltern und
> Großeltern als Heimat lieb war. Davon zeugen Landkarten, Bildbände,
> Kochrezepte, Einträge aus Kirchenbüchern, sogar eine Glocke, die auf Umwegen
> bis nach Gifhorn gelangt ist… Und es ist schön, wenn wieder Reisen in die
> Heimat möglich sind, dort gute Begegnungen möglich werden mit den Menschen
> im Landkreis Zlottow und man sich gemeinsam freut, wenn historische Gebäude
> restauriert werden.
>
> In einigen Jahren werden viele Augenzeugen, die noch in der Heimat geboren
> sind, nicht mehr sein. Dann wird es umso wichtiger, ihre Erinnerungen zu
> bewahren. Ein Baustein dazu ist das digitale Archiv, das heute Nachmittag
> vorgestellt wird.
>
> Das Gedenken an unsere Geschichte ist wichtig für die Identität. Das Wissen
> um die eigene Geschichte gehört zum Menschsein. Bei der Einweihung der
> Gedenktafel in der Schlosskapelle zitierte Rektor Splittstösser-Krojanke in
> diesem Sinn den Dichter Ernst-Moritz Arndt: „Du musst dein Land lieb haben,
> denn du bist ein Mensch und sollst nicht vergessen.“ Das Gedenken gehört zu
> unserem Menschsein.
>
> So erinnern wir uns heute auch an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges.
> Besonders an die „Gefallenen und auf der Flucht Verstorbenen des Kreises
> Flatow“ – wie es die Inschrift der Tafel sagt. Hier ist ihr Ort der
> Erinnerung – denn so manche von ihnen haben kein Grab und kein anderes
> Denkmal.
>
> Die Geschichten der Opfer des Krieges – damit meine ich die Opfer auf allen
> Seiten – verdienen dokumentiert zu werden. Das ist ein Dienst an der
> Wahrheit. Das sind wir den Opfern und ihren Familien schuldig. Mögen
> kommende Generationen daraus lernen…
>
> Doch von manchen kennen wir nicht mehr den Namen. Vielleicht lebt auch
> keiner mehr, der sie noch persönlich gekannt hat. Ähnlich wird es sein mit
> der Geschichte des Kreises Flatow; obwohl vieles Wichtige bewahrt und
> dokumentiert wird, so werden doch viele Erinnerungen vergehen. Jeder Mensch
> nimmt einen Schatz von Erfahrungen mit ins Grab. Es ist uns Menschen nicht
> gegeben, alles zu bewahren. Die Vergänglichkeit gehört eben auch zum
> Menschsein. Darüber trauern wir heute.
>
> Als Christen vertrauen wir, dass bei Gott alles aufgehoben ist. Die Namen
> der Gefallenen, der auf der Flucht Verstorbenen und aller Opfer des Krieges
> sind im Himmel aufgeschrieben. Auch die reiche Geschichte des ehemaligen
> Kreises Flatow – bei Gott ist sie in Fülle bewahrt. Sie ist in seine
> Erinnerung eingeschrieben.
>
> Amen.