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Festrede von Rolf-Peter Wachholz zum 32. Heimat - und Patenschaftstreffen der Flatower in Gifhorn vom 26. - 28.MAi 2017

Motto: Zukunft braucht Erinnerung

Sehr geehrter Herr Landrat Dr. Ebel, sehr geehrter Herr Landrat Golawski, Herr Bürgermeister Adam Pulit sowie Klemens Mrela mit Delegation von der Deutsch-sozialkulturellen Gesellschaft Schneidemühl, Ortsgruppe Flatow, verehrte  Festversammlung,

der Dichter Jean Paul hat bereits 1812 formuliert: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“  

Erich Kästner sagte: „Man kann die Menschen aus der Heimat vertreiben, aber nicht die Heimat aus den Menschen.“

 Dietrich Bonhoeffer hatte treffend formuliert: „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung vor der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.“

Mit dem Motto des diesjährigen Treffens „Zukunft braucht Erinnerung“ wollen wir versuchen, das Gestern mit dem Heute und Morgen zu verbinden. Es soll uns vor Augen führen, dass gesellschaftliches Leben den Wandel, die Berücksichtigung von Geschichte und Erfahrungen sowie verantwortungsvolle Voraussicht erfordert. Das sollte alle (!) Kräfte unserer Gesellschaft betreffen.

Im Rhythmus von zwei Jahren treffen sich seit 1955 die Flatower in Gifhorn, in ihrem Patenkreis. All die Jahre, werden wir immer gern willkommen geheißen. Dafür erneut, Herr Dr. Ebel, ein Dankeschön. Sie und Ihre Mitarbeiterin Maria Meinecke, Herr Rode sowie weitere Mitarbeiter sind für uns und unsere Nachbarn wertvolle und wichtige Kontakte. Vor zwei Jahren, 2015,  konnten wir auf 60 Jahre Patenschaft mit dem Landkreis Gifhorn zurückblicken und haben am Eingang des Schlosses eine schöne Sandsteintafel enthüllt, die diese langjährige Verbindung nicht nur dokumentiert, sondern auch nach außen Zeugnis geben soll für eine Entwicklung, die im Jahre 1945 niemand vorausgesehen hat und auch nicht im Entferntesten voraussehen konnte. Lange Zeit waren nicht nur die Heimatvertriebenen davon ausgegangen, in ihre angestammte Heimat zurückkehren zu können. Politisch verlief die Entwicklung  aber dann anders. Der sogenannte Kalte Krieg, die Wende 1989 mit dem Fall von Mauer und Stacheldraht, die Öffnung nach Osten, ein größer werdendes Europa, Freizügigkeit waren nur einige Wegmarkierungen der letzten 70 Jahre.  Sie brachten schmerzliche Einschnitte, Herausforderungen und neue Möglichkeiten. Wir leben hier in unserem Land  in Frieden und Freiheit und müssen angesichts der aktuellen politischen Weltlage sehr wachsam und verantwortungsbewusst sein, damit dies auch weiterhin so bleibt. Die aktuellen Ereignisse von Anschlägen verdeutlichen die Gefährdung,  der wir ausgesetzt sind.

Eine kurze Rückblende:

1945 lagen weite Teile Deutschlands in Schutt und Asche, Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren, waren auf der Flucht, wurden vertrieben, hatten teilweise nur noch ihr nacktes Überleben. Haus, Hof, Tiere mussten über Nacht verlassen werden. Viele hofften, dass es nur ein kurzzeitiger Weggang sein musste, andere kehrten nach kurzer Zeit um, wiederum andere kamen auf den verschiedensten Wegen unter zum Teil schlimmsten Bedingungen westwärts. Andere gerieten in Gefangenschaft. Gestatten Sie mir, dass ich an dieser Stelle eine Zeitzeugin, die Präsidentin des Pommerschen Kreis- und Städtetages, dem wir auch als Heimatkreis Flatow angehören, zu Worte kommen lasse. Frau Margrit Schlegel, Jahrgang 1937, aus dem Kreise Naugard kommend, schreibt in einer Kolumne der Pommerschen Zeitung vom 4. März diesen Jahres folgendes: „Die eigene Flucht Anfang März 1945 und die Vertreibung im Juni 1945 beschäftigen mich jedes Jahr aufs Neue. Das Phänomen des gewaltsamen Heimatverlustes bleibt für die Erlebnisgeneration in seinen menschlichen Auswirkungen eine traumatische Lebenserfahrung aus Bedrohung, eigener Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe von Heimat und Eigentum. Vertreibung, wie immer sie auch begründet wird, hat in jedem Fall Not und Elend bis hin zum Tod und das brutale Trennen der historischen und kulturellen Wurzeln. Fünfzehn Millionen Deutsche haben im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren. Das ist ein beispielloser Vorgang, in der deutschen Geschichte, den wir nicht verschweigen dürfen. Die Vertreibung und all ihre schlimme Gewalt waren nicht nur Unrecht, sondern ein Verbrechen. Ein Verbrechen, dass nicht mit anderen Verbrechen aufgerechnet und begründet werden darf.“  Weiter heißt es in der Kolumne: „Wir bleiben das lebendige Gewissen und die Mahnung an alle Völker, nicht nur den Irrsinn eines Krieges zu begreifen, sondern auf der Basis der Wahrheit und Gerechtigkeit sowie einer demokratischen Werteordnung für Verständigung, Versöhnung und dauerhaften Frieden in der Welt. Aber auch Gemeinsamkeiten in der Gesamtverantwortung sollten wir nicht vergessen, um damit einen wesentlichen Beitrag zu einem neuen europäischen Bewusstsein zu leisten. Das Ausmaß an Not und Elend in der damaligen Zeit vor nunmehr über 70 Jahren ist für die Nachkriegsgeneration unvorstellbar. Geschichte ist Geschichte und nicht mehr veränderbar. Es ist aber unverzichtbar, die Geschichte des 20. Jahrhunderts objektiv und wahrhaftig aufzuarbeiten.“ Ende des Zitats.

 Es würde den Rahmen meiner Ausführungen sprengen, die Geschichte Europas einer eingehenden Analyse zu unterziehen.  Sie muss über Jahrhunderte in ihrem Lauf gesehen und bewertet werden.  Heute finden z. B. in Wittenberg Festveranstaltungen zur Reformation statt. In Magdeburg wurde der Zeit von Otto I. und dem damaligen Zentrum Europas gedacht. Das Magdeburger Recht nahm seinen Weg nach Osten, so auch nach Flatow.  Schwedische und französische sowie polnische und preußische Herrschaft sind nur einige geschichtliche interessante Punkte der Vergangenheit. In diesem Zusammenhang darf ich zur vertiefenden Lektüre auf das Buch „Das Reich  der Deutschen“, Wie wir eine Nation wurden, aus dem Spiegel Buchverlag hinweisen. Vor zwei Jahren hatten wir die Ausstellung der Pommerschen Landsmannschaft  „Vertrieben- und vergessen?“ hier in Gifhorn im Museum gezeigt. Sie hat Zeugnis abgelegt über die Geschichte. Es sind auf vielfältigste Art und Weise die geschichtlichen Ereignisse in einem historischen Kontext dargestellt worden. Wir konnten sehen, dass die Geschichte Deutschlands und seiner Nachbarn eine sehr wechselvolle Geschichte war. Dass Religion, Machtstreben, Bündnispolitik, Kolonialstreben, Gebietsansprüche, Verteidigungsbündnisse, Erbfolgen, Hass sowie blinde Ideologien in unterschiedlichsten Ausprägungen den Lauf der Geschichte bestimmten. Zu einer ehrlichen und nachhaltigen Verständigung kann es nur kommen, wenn Geschehnisse auf der Grundlage der Wahrheit verantwortungsbewusst aufgearbeitet werden.  Diese Sichtweise, verehrte Festversammlung, führt u. a.  dazu, dass wir langfristig, auch von kommenden Generationen, als  kompetente Sachwalter unserer angestammten Heimat wahrgenommen werden. In dieser Bewertung sage ich allen: Eine Aufrechnung von Schuld und Gewalt kann es nicht geben. Was unter deutschem Namen an Unrecht geschah, darf sich nicht wiederholen, ebenso wie Gewalt gegenüber Deutschen.  Wir haben nicht nur in unserer Heimatstube Berichte und Zeitzeugendokumente von erschreckender Brutalität, aber auch von Hilfe und Beistand in Notlagen. Wir wissen um die Verfolgung jüdischer Mitbürger und anderer Menschen.  Angesichts der aktuellen Weltlage darf man Zweifel haben, dass die Menschen etwas gelernt haben. Aber gerade deshalb ist es unsere Pflicht, als unmittelbar Betroffene bzw. als Nachkriegsgeneration mit dem Wissen, das wir haben, entgegenzusteuern. Daher auch das Motto unseres Treffens: Zukunft braucht Erinnerung. Ich möchte an dieser Stelle nur noch einmal auf die Charta der Vertriebenen aus dem Jahre 1950 hinweisen und kurz zitieren: „Wir rufen die Völker und Menschen auf, die guten Willens sind, Hand anzulegen ans Werk, damit aus Schuld und Ermordung, Unglück , Leid und Armut und Elend für uns alle der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird.“ ….

Anrede,

lassen Sie mich meinen Blick auf die Fragen der Gegenwart richten.

Nur wer die eigene Geschichte kennt und sich mit ihr auseinandersetzt, kann auf einem solchen Fundament die Zukunft gestalten. Erinnerung ist eben nicht das ewig Gestrige, Vergangenheit, die nicht mehr zählt, sondern sie ist Kultur, Bewahrung und Schlüssel zur Beantwortung vieler immer wiederkehrender und offener Fragen. Mit dem Rückgang der Erlebnisgeneration wird die Zahl derer, die unmittelbar antworten können, immer kleiner. Diejenigen unter uns, die bewusst noch die Zeit in der Heimat erlebt haben, sind jetzt Ende siebzig. Vieles haben wir Jüngeren von unseren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern aufnehmen können. In unserer Flatower Heimatstube haben wir viele Erlebnisberichte, Bilder, Dorfchroniken und Andenken verwahrt, zu einem großen Teil digitalisiert und öffentlich präsentiert. Mit dem  Vertrag zwischen der Flatower Vereinigung und dem Landkreis Gifhorn haben wir auch für die Zukunft die Weichen für eine dauerhafte Möglichkeit des Zuganges unserer Sammlung gesorgt.

In unserem gemeinsamen Mitteilungsblatt der Heimatkreise Flatow und Schlochau, das auch weiterhin erscheinen wird, versuchen wir immer wieder Wissenswertes von damals mit den Veränderungen von heute zu verbinden. Das Interesse an der alten Heimat ist ebenso vorhanden, wie das Interesse der heute hier lebenden polnischen Bevölkerung an der Historie, Infrastruktur, Land und Leuten aus Vorkriegszeit. Vom Heimatkreis pflegen wir die Kontakte zum heutigen Landrat, dem Bürgermeister, seiner Stellvertreterin und zur Leiterin des Museums. Über konkrete Projekte wird gesprochen, so zum Beispiel über die Renovierung und Nutzung der evangelischen Kapelle, die Anbringung einer mehrsprachigen Tafel am Gedenkstein am Friedhof in Flatow, gegenseitig unterstützte Ausstellungen. All diese Maßnahmen sind Brückenschläge von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft.

Verehrte Festversammlung,

man sagt, dass der Jugend die Zukunft gehöre. Sie soll und wird sie mitgestalten. Dazu muss sie auch mitgenommen werden. Die neuen Medien sollten auch für die Erinnerungsarbeit stärker genutzt werden. Auf die interessante Pommernausstellung „Vertrieben – und vergessen?“, die auch von vielen Schulklassen besucht wurde, darf ich erneut verweisen. Sie wird übrigens derzeitig in Schleswig-Holstein in Neumünster gezeigt. Das Internet bietet heute viele Möglichkeiten der Information und Kommunikation und kennt im Grunde keine geografischen Grenzen. Es bietet eine Fülle von Daten und Fakten und ist geeignet, unser Wissen anzureichern und weiterzugeben.

Es ließe sich noch viel zum Thema sagen, doch möchte ich abschließend einen Heimatfreund der Nachkriegsgeneration zu Wort kommen lassen. Es ist der Sohn eines im Jahre 2014 verstorbenen aus dem Kreise Flatow stammenden Heimatkreisangehörigen. Dieser Sohn war ein einziges Mal mit seinem Vater im Jahre 1991 in der alten Heimat. Erst 2014 hat er den Weg dorthin wieder gefunden, weil sein Vater den Wunsch gehabt hatte, in Flatow beigesetzt werden zu wollen.  Mit Unterstützung des Heimatkreises Flatow konnte der Wunsch des Vaters erfüllt werden. Der Sohn sagte, dass er früher nichts von Flatow wissen wollte und heute sei es umgekehrt. In unserem Heimatblatt schrieb er: „Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich manchmal wandeln kann. Oft genügt ein einschneidendes Erlebnis, um eine festgefahrene Ansicht ins Gegenteil zu verkehren. Polen als solches und nicht nur „verlorenes  Land“ unserer Vorfahren hat in mir heute einen weiteren Botschafter. Aus meiner Sicht gilt es beides zu entdecken. Gerade meine Generation, denke ich, hat die Pflicht, die Vergangenheit unserer Vorfahren im Gedächtnis zu behalten, aber auch, den Blick unvoreingenommen in die Zukunft zu richten. Nur so wird es uns gelingen, auch kommenden Generationen einen Bezug zur Heimat unserer Eltern und damit zu unseren Wurzeln zu vermitteln und damit letztlich das Andenken an sie zu bewahren.“

Verehrte Anwesende, ich glaube dieser persönlichen Einschätzung ist nichts hinzuzufügen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.